Belecke – glückliche Stadt an der Möhne

Liebe Beleckerinnen und Belecker,

zu unserer Video-Galerie, genauer zu dem WDR Film von 1961 habe ich eine E-Mail einer in unserem schönen Heimatort geborenen und hier aufgewachsenen Frau aus Düsseldorf erhalten. Gisela Minz, geb. Schlothane, hat nach dem Anschauen des Zeitdokuments ihre Gedanken dazu auf Papier gebracht und mir zugeschickt. Vielen Dank dafür, ich habe mich wirklich sehr darüber gefreut.

Liebend gerne möchte ich ihre besonderen Erinnerungen mit allen Beleckern und Lesern dieser Seite teilen.

Heiner Maas

(Ortsvorsteher Belecke)

Auf der Suche nach dem Besonderen in der kleinen Stadt Belecke besuchen Journalisten des Senders Freies Berlin im Jahre 1961 die malerische Stadt. Als sie nach drei Tagen zu neuen Zielen weiterfliegen, hinterlassen sie eine Liebeserklärung: „Das also war Belecke. Idylle und Industrie, Romantik und solider Reichtum, bäuerliche Lebensart und kultureller Ehrgeiz. Eine Stadt […] über die das Glück sein Füllhorn ausgegossen hat, aber auch und vielleicht ist dies das nun wirklich Besondere an Belecke, die dieses Glück verarbeitet, diesen Reichtum verarbeitet hat, ohne protzig zu werden, ohne überzuschnappen, ohne ihr eigentliches Wesen aufzugeben. Eine reiche Kleinstadt, die Kleinstadt blieb, beneidenswert und von vielen beneidet, aber mehr noch liebenswert. Denn Glück hat diese Stadt, das ist das eigentlich Besondere an ihr.“ [Zitat von Teil 1, gesprochener Text eines Filmbeitrags vom 4. September 1961 des Senders Freies Berlin, Digitalisierung der Target-Media 2002, siehe Homepage belecke.de ]Mit dem Betrachten des Films auf der Homepage werden Erinnerungen wach. Ich sehe den Film nach 55 Jahren überhaupt das erste Mal. Dort 1953 geboren und Ostern 1960 eingeschult, bin ich gerade in der zweiten Klasse, als die Filmaufnahmen gemacht werden. Und so erinnere ich mich sehr genau an viele Details, die dieser Film zeigt. Zwischen dem gesprochenen Text und den bewegten Bildern wächst und entsteht ein neuer farbiger Film, schwingen lebendige Erinnerungen. Aus der räumlichen und zeitlichen Fernsicht wird Belecke neu entdeckt. Belecke hat immer sein Glück geteilt! Belecke hat denen Glück gegeben, die an Wester und Möhne seit Generationen ihre Heimat haben, denen, die erwartungsvoll von weit her gekommen sind, eine neue Heimat suchten, um dann zu bleiben. Belecke hat denen einen prall gepackten Rucksack mitgegeben, die neugierig aufgebrochen sind, das erlebte Glück mit anderen in der Ferne zu teilen. In meinem Reiserucksack habe ich viel gefunden. Er wird wie von Zauberhand immer wieder neu gefüllt. Er wird nie leer! Ich habe dieses innere Lächeln, das Strahlen, das sichere Bewusstsein, ein Teil des Ganzen zu sein, wo auch immer auf der Welt ich mich befinde, wo auch immer auf der Welt ich Menschen begegne. Dieses Glück ist wie das farbige Stillleben im elterlichen Wohnzimmer, ein in einen goldenen Rahmen gefasstes, prächtiges Farbgemälde, gemalt von meinem Großvater. Es ist strahlend bunt wie der Regenbogen, der sich schützend nach dem bedrohlichen Grollen des Donners und dem Leuchten der hellen Blitze über den Propsteiberg wölbt. Es sind die weiß scheinenden Margeritenwiesen neben der im Sonnenlicht mäandernden Wester in den sumpfigen Wiesen Unterm Stillenberg. Es ist das besondere Blau der Feder des Eichelhähers, gefunden an der 1000-jährigen Eiche am Waldrand der Bornholzsiedlung. Die Eiche gibt es jetzt nicht mehr.

Dieses Glück ist das große Orchester der Kirchenglocken im Tal und auf dem Berg. Auch die Glocken tragen Namen und erzählen Geschichten. Läutet die kleine Ancilla-Glocke, benannt nach ihrer Patin Schwester Ancilla, beginnt bald der Gottesdienst. (Wenn Ancilla kleppt, wird ? s Zeit!) Das rhythmische Hämmern des „Dicken Emil“ in der Gesenkschmiede gibt an, dass ich zu Hause bin. Das ist Belecke! Das Stampfen der Schmiedehämmer erinnert aber auch an die große Explosion, an die Katastrophe in den Siepmannwerken von 1963. Wenn früh um fünf die Böller gezündet werden und der Ort im Nebel aufgeweckt wird, ist bald Pfingsten. Diese Zeremonie benennt einerseits die Not der Menschen im Belagerungszustand während der Soester Fehde und andererseits feiert es den siegreichen Sturmtag 1448 und die Befreiung von der Unterdrückung der Soester Belagerer. Das Rabennest konnte dank der Zivilcourage seines Bürgermeisters nicht eingenommen werden. Auch das ist ein Teil des Glücks. Glück ist auch, dass das Leben nach zwei Weltkriegen weitergehen konnte und in Belecke Menschen bereit waren, an diese schrecklichen Zeiten der Feuerwalze des 2. Weltkrieges, die über das Sauerland rollte, zu erinnern. Das Ringen um Entscheidungen in der Politik im eigenen Ort zu erleben, zu erlernen und zu gestalten, ist ein besonderes Privileg einer kleinen Stadt. Da waren bei politischen Treffen im Jugendheim nicht nur die bekannten Ortspolitiker anwesend, sondern auch Bundestagsabgeordnete zum Diskutieren nah. Wenn sich auf den Feldwegen der Haar, in der flirrenden Sommerhitze, Weihrauch mit dem Geruch von reifem Getreide mischt, ist das ein Zeichen für die Dankbarkeit der Belecker, die sich in den Gebeten während der Feldprozession ausdrückt. Die dicke Tuba des Kolpingorchesters und eine kleine Lerche am Sommerhimmel stimmten immer mit ein in das große „Lobe den Herrn“ der Belecker. Der verlockende Geruch von leckeren Brötchen aus Hoppen Backstube am Samstagmorgen und der Duft von mit der Hand frisch gemahlenen Kaffeebohnen zum nachmittäglichen Kaffeeklatsch mit Freunden im Garten oder in der guten Stube lassen uns das Glück auf besondere Weise in der Gemeinschaft erleben. Doch da ist noch viel mehr: der Ritt auf dem Karussellpferd zur Schützenfestzeit, mittendrin im Karnevalsumzug den Alltag vergessen, ein Sommerspaziergang zur Bohnenburg an den Ameisenhügeln vorbei und den Rückweg über den Kaller Weg nehmend mit dem Blick über die Haar und das Möhnetal, die leckeren Rosinen des Döbberstutens, der Korb mit Büchern, ausgeliehen bei Fräulein Sonnenschein in der Pfarrbücherei in Oberbelecke, der kleinste Erfolg beim Schwimmenlernen mit Bademeister Strehlow im alten Schwimmbad während heißer Sommertage und das Lachen der Kinder in der Schule am Westerberg. All das findet sich im Füllhorn des Glücks. Das Röhren der Hirsche zur Brunftzeit in den Tiefen des herbstlich bunt gefärbten Arnsberger Waldes und die frischen Wildschweinspuren in einer Suhle neben dem schützenden Dickicht zeigen an, dass die Eichen eine reiche Ernte an Winterfutter versprechen. Dem sagenumwobenen Hameckeweib bin ich nie begegnet, doch schon vonK indesbeinen an lehrte uns der Wald, die Schönheiten der Natur zu sehen und das Memento mori zu betrachten. „Wir sind nur Gast auf Erden …“ heißt ein Spruch auf einer Bank, die mitten im Wald zur Rast einlädt und zum Nachdenken anregt. Schutz fanden auch die Wildtiere beim Förster am Waldrand durch die notwendige Winterfütterung in sehr kalten Wintern oder das Betreuen eines verlassenen Rehkitzes im Forsthaus. Wenn zur Winterzeit die Stille in den geschäftigen Ort schleicht, werden die hupenden Autos und rollenden Züge leiser, weil Schnee sich wie eine weiße Decke über die Häuser der Stadt legt und allen störenden Lärm dämpft. Dann sind die Hämmer der Siepmannwerke nur wie durch Watte zu hören. Ein nachdenklicher Wanderer geht an einem solchen Abend den vertrauten Wanderweg über die Güldene Tröge, an Schloss Welschenbeck und dem Kaiser-Heinrich-Bad entlang, die Külbe hinauf. Von der Külbenkapelle aus beobachtet er das Lichterspiel der sich durch die Stadt schlängelnden Autos und der festlichen Weihnachtsbeleuchtung. Der rot-grüne Farbwechsel der Ampelanlage signalisiert auch, dass der Verkehr und die Geschäftigkeit mehr geworden sind. Zum Greifen nah liegt die in helles Scheinwerferlicht getauchte mit einer Schneemütze bedeckte St. Pankratiuskirche auf dem Propsteiberg. Vielen Generationen meiner Familie hat sich dieses Bild der Kirche auf dem Berg eingeprägt und begleitet. Möglicherweise war auch mein erster Blick in die Welt aus dem Zimmerfenster meines Geburtshauses ein Blick auf die alte Mühle und den schützenden Kirchturm. Die Weihnachtslichter verzaubern die besondere und liebenswerte, die glückliche Stadt an der Möhne. Muin Biäelecke! Ich weiß noch genau, wie der Fesselballon 1961 gestartet ist. Es sind seither viele Jahre ins Land gezogen. Wir beenden jetzt das Jahr 2020, ein besonderes Jahr, ein Jahr verletzt durch Pandemie und Lockdown. Es herrscht Maskenpflicht wegen Corona, der Viruserkrankung. Es ist, als ob unser Lächeln eingesperrt ist. Doch es gibt Lichtblicke. Das Weihnachtslicht hat in diesem Jahr trotz allem Belecke erreicht und leuchtet dort wie auch an vielen anderen Orten. Die Winterschneedecke wird schon nach einer Nacht wieder abgeworfen, weil der Schnee weggetaut ist. Der Klimawandel verändert unsere Erde. Damals war ich ein neugieriges, kleines Mädchen. Ich bin hinaus in die Welt gegangen. Ich habe viel entdeckt und erlebt. Jetzt lebe ich nicht mehr an der Möhne, sondern am Rhein. Hier bin ich geblieben. Heute kann ich allen sagen: Mein Reiserucksack bleibt immer prall gefüllt! Gefüllt mit vielen wundervollen Erinnerungen, die ich gern überall, wo ich hingekommen bin, geteilt habe. Innere Bilder, ferne Klänge und geheimnisvolle Gerüche bestimmen unser Leben täglich neu. Wer eine prägende und liebevolle Kindheit im glücklichen Belecke leben durfte, kann nach zeitweiliger Fernsicht und Älterwerden da anknüpfen, um dort und überall, hier und jetzt glücklich zu sein.

Gisela Minz Düsseldorf, 29. Dezember 2020

Dieses Glück ist das große Orchester der Kirchenglocken im Tal und auf dem Berg. Auch die Glocken tragen Namen und erzählen Geschichten. Läutet die kleine Ancilla-Glocke, benannt nach ihrer Patin Schwester Ancilla, beginnt bald der Gottesdienst. (Wenn Ancilla kleppt, wird ? s Zeit!) Das rhythmische Hämmern des „Dicken Emil“ in der Gesenkschmiede gibt an, dass ich zu Hause bin. Das ist Belecke! Das Stampfen der Schmiedehämmer erinnert aber auch an die große Explosion, an die Katastrophe in den Siepmannwerken von 1963. Wenn früh um fünf die Böller gezündet werden und der Ort im Nebel aufgeweckt wird, ist bald Pfingsten. Diese Zeremonie benennt einerseits die Not der Menschen im Belagerungszustand während der Soester Fehde und andererseits feiert es den siegreichen Sturmtag 1448 und die Befreiung von der Unterdrückung der Soester Belagerer. Das Rabennest konnte dank der Zivilcourage seines Bürgermeisters nicht eingenommen werden. Auch das ist ein Teil des Glücks. Glück ist auch, dass das Leben nach zwei Weltkriegen weitergehen konnte und in BeleckeMenschen bereit waren, an diese schrecklichen Zeiten der Feuerwalze des 2. Weltkrieges,die über das Sauerland rollte, zu erinnern. Das Ringen um Entscheidungen in der Politik im eigenen Ort zu erleben, zu erlernen und zu gestalten, ist ein besonderes Privileg einer kleinen Stadt. Da waren bei politischen Treffen im Jugendheim nicht nur die bekannten Ortspolitiker anwesend, sondern auch Bundestagsabgeordnete zum Diskutieren nah.Wenn sich auf den Feldwegen der Haar, in der flirrenden Sommerhitze, Weihrauch mit dem Geruch von reifem Getreide mischt, ist das ein Zeichen für die Dankbarkeit der Belecker, die sich in den Gebeten während der Feldprozession ausdrückt. Die dicke Tuba des Kolpingorchesters und eine kleine Lerche am Sommerhimmel stimmten immer mit ein in das große „Lobe den Herrn“ der Belecker.Der verlockende Geruch von leckeren Brötchen aus Hoppen Backstube am Samstagmorgen und der Duft von mit der Hand frisch gemahlenen Kaffeebohnen zum nachmittäglichen Kaffeeklatsch mit Freunden im Garten oder in der guten Stube lassen uns das Glück auf besondere Weise in der Gemeinschaft erleben. Doch da ist noch viel mehr: der Ritt auf dem Karussellpferd zur Schützenfestzeit, mittendrin im Karnevalsumzug den Alltag vergessen, ein Sommerspaziergang zur Bohnenburg an den Ameisenhügeln vorbei und den Rückweg über den Kaller Weg nehmend mit dem Blick über die Haar und das Möhnetal, die leckeren Rosinen des Döbberstutens, der Korb mit Büchern, ausgeliehen bei Fräulein Sonnenschein in der Pfarrbücherei in Oberbelecke, der kleinste Erfolg beim Schwimmenlernen mit BademeisterStrehlow im alten Schwimmbad während heißer Sommertage und das Lachen der Kinder in der Schule am Westerberg. All das findet sich im Füllhorn des Glücks. Das Röhren der Hirsche zur Brunftzeit in den Tiefen des herbstlich bunt gefärbten Arnsberger Waldes und die frischen Wildschweinspuren in einer Suhle neben dem schützenden Dickicht zeigen an, dass die Eichen eine reiche Ernte an Winterfutter versprechen. Dem sagenumwobenen Hameckeweib bin ich nie begegnet, doch schon vonKindesbeinen an lehrte uns der Wald, die Schönheiten der Natur zu sehen und das Memento mori zu betrachten. „Wir sind nur Gast auf Erden …“ heißt ein Spruch auf einer Bank, die mitten im Wald zur Rast einlädt und zum Nachdenken anregt.Schutz fanden auch die Wildtiere beim Förster am Waldrand durch die notwendige Winterfütterung in sehr kalten Wintern oder das Betreuen eines verlassenen Rehkitzes im Forsthaus.Wenn zur Winterzeit die Stille in den geschäftigen Ort schleicht, werden die hupenden Autos und rollenden Züge leiser, weil Schnee sich wie eine weiße Decke über die Häuser der Stadt legt und allen störenden Lärm dämpft. Dann sind die Hämmer der Siepmannwerke nur wie durch Watte zu hören. Ein nachdenklicher Wanderer geht an einem solchen Abend den vertrauten Wanderweg über die Güldene Tröge, an Schloss Welschenbeck und dem Kaiser-Heinrich-Bad entlang,die Külbe hinauf. Von der Külbenkapelle aus beobachtet er das Lichterspiel der sich durch die Stadt schlängelnden Autos und der festlichen Weihnachtsbeleuchtung. Der rot-grüne Farbwechsel der Ampelanlage signalisiert auch, dass der Verkehr und die Geschäftigkeit mehr geworden sind. Zum Greifen nah liegt die in helles Scheinwerferlicht getauchte mit einer Schneemütze bedeckte St. Pankratiuskirche auf dem Propsteiberg. Vielen Generationen meiner Familie hat sich dieses Bild der Kirche auf dem Berg eingeprägt und begleitet. Möglicherweise war auch mein erster Blick in die Welt aus dem Zimmerfenster meines Geburtshauses ein Blick auf die alte Mühle und den schützenden Kirchturm.Die Weihnachtslichter verzaubern die besondere und liebenswerte, die glückliche Stadt ander Möhne. Muin Biäelecke!Ich weiß noch genau, wie der Fesselballon 1961 gestartet ist. Es sind seither viele Jahre ins Land gezogen. Wir beenden jetzt das Jahr 2020, ein besonderes Jahr, ein Jahr verletztdurch Pandemie und Lockdown. Es herrscht Maskenpflicht wegen Corona, der Viruserkrankung. Es ist, als ob unser Lächeln eingesperrt ist. Doch es gibt Lichtblicke. Das Weihnachtslicht hat in diesem Jahr trotz allem Belecke erreicht und leuchtet dort wie auch an vielen anderen Orten. Die Winterschneedecke wird schon nach einer Nacht wieder abgeworfen, weil der Schnee weggetaut ist. Der Klimawandel verändert unsere Erde.Damals war ich ein neugieriges, kleines Mädchen. Ich bin hinaus in die Welt gegangen. Ich habe viel entdeckt und erlebt. Jetzt lebe ich nicht mehr an der Möhne, sondern am Rhein. Hier bin ich geblieben.Heute kann ich allen sagen: Mein Reiserucksack bleibt immer prall gefüllt! Gefüllt mit vielen wundervollen Erinnerungen, die ich gern überall, wo ich hingekommen bin, geteilt habe. Innere Bilder, ferne Klänge und geheimnisvolle Gerüche bestimmen unser Leben täglich neu. Wer eine prägende und liebevolle Kindheit im glücklichen Belecke leben durfte, kann nach zeitweiliger Fernsicht und Älterwerden da anknüpfen, um dort und überall, hier und jetzt glücklich zu sein.Gisela Minz Düsseldorf, 29. Dezember 2020

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